
Haiku Juli/Aug. 2025
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Im März und April hatten wir außer den zwei Monats-Treffen ein Seminar mit Prof. Aoki.
Das 16. Haiku-Seminar fand am 23. März statt, dessen Thema etwas ganz Besonderes war.
Prof. Aoki schlug uns vor, uns mit einer der Quellen des Haiku zu befassen.
Er wählte konkret die ersten zwei Gedichte aus den Yu(no)yama-Sangin-Hyakuin (1491) aus, dem berühmten Renga* (Kettengedichte) mit 100 einzelnen Gedichten. Diese Yuyama- Sangin wurden von Sōgi und zweien seiner Meisterschüler Shōhaku und Sōchō aus der Muromachi-Epoche (vor etwa 600 Jahren) gedichtet.
* Beim Renga sitzen Dichter im Kreis und dichten einer nach dem anderen. Dabei übernimmt der Dichter, der an der Reihe ist, nicht nur die Elemente des vorigen Gedichtes, sondern entwickelt und wendet sie.
Obwohl Renga eines der Vorfahren des Haiku ist, war der Unterschied der beiden Gattungen deutlich. Prof. Aoki unterstrich vor allem den Unterschied der Haltung den Jahreszeiten gegenüber. Heute dichtet man ein Haiku hauptsächlich nur mit einer Jahreszeit. Der Haiku-Lehrer lehrt die Schüler, in einem Haiku nur ein Kigo (Jahreszeitenwort) zu benutzen, damit die Intensivität nicht geschwächt würde.
Ein Überblick über die Merkmale vom Renga im Vergleich zum Haiku:
- Damals betrachtete man die Jahreszeiten anders. Die Übergangszeit zweier Jahreszeiten war wichtig. In einem Gedicht standen oft zwei Kigo. Ein Beispiel davon: Der Herbst weicht langsam dem Winter. Das Doppel-Kigo – ein Herbst- und ein Winter-Kigo – wurde als schön empfunden.
- Hinter jedem Gedicht steckten alte Literaturwerke wie „Die Geschichte vom Prinzen Genji“ oder Kokin-Wakashū ("Sammlung alter und moderner Gedichte", ca. 920).
- Damals scheute man, etwas klar zu definieren und zu äußern. Es galt als vulgär, etwas klar darzustellen.
- Prof. Aoki meinte, das Renga sei wie japanische Bilderrollen: Das Bild bewegt sich nach und nach entsprechend der Augenbewegung. Man brauchte beim Renga keinen Aufbau und kümmerte sich nicht um ein Einheitsgefühl. Es ging nicht um den Augenblick, und die Jahreszeiten wurden anders ausgedrückt als heute. Man fokussierte nicht auf etwas. Durch Zitate konnte man das Unerwähnte zum Ausdruck bringen. Das Renga-Dichten war zu 80 bis 90 % eine Bearbeitung alter Materialien. Dichter mussten alle klassische Literatur beherrschen.
In der Aprilausgabe einer japanischen Monats-Haikuzeitschrift gab es eine Umfrage an die Haiku-Dichter. Sie wurden gebeten, die drei besten Haiku zu nennen, die sie an zukünftige Generationen weitergeben möchten. Prof. Aoki nannte die drei ersten Gedichte aus den Yuyama-Sangin-Hyakuin, zwei davon hatten wir gerade bei ihm kennengelernt.
Yuko Murato
2 Haiku
Laut tönen die Bands
vom Sommerfest – auf dem Fluss
wippt ein alter Kahn
Josefine Barbara Renner
Ohne Worte –
im gelben Yukata
steht sie vor mir.
Alexander Gierl