
Kaihô Haiku Mai/Juni 2025
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Ende Januar trafen wir im neuen Jahr zusammen. Seit einiger Zeit bestimmen wir für
ein Haiku-Treffen im Voraus zwei Themen zum Dichten: Das eine ist ein Kigo (das
Jahreszeitenwort), und das andere ist ein neutrales Wort. Für das Januar-Treffen war
es das „Tagebuch“. Es war für mich sehr interessant, dass die Dichter/innen zu
diesem Thema aus persönlichen Erlebnissen Haiku dichteten: ein Tagebuch im
dritten Kriegsjahr, ein prall gefülltes altes Tagebuch, eine leere Seite an Neujahr oder
ein brennendes Tagebuch im Neujahrsfeuer.
Das „Tagebuch“ allein ist ein neutrales Wort, aber in Japan wird es am Ende des
Jahres ein Kigo: „Das alte Tagebuch“, das gerade zu Ende geht, und „Ein
Tagebuch kaufen“ (fürs neue Jahr), sind zwei Kigo für den Dezember.
Nach einem wie immer belebten Online-Haiku-Treffen am 2. Februar war es am 5.
Februar so weit: Ein großes Paket mit Anthologie-Exemplaren traf endlich bei mir ein.
Die 5. Anthologie in edlem Blau sieht elegant aus und auch der Inhalt ist lesenswert.
Sie hat bereits viele gute Kritiken erhalten. Auch unsere Haiku-Lehrerin in Kōbe
schickte mir eine E-Mail und hat sich vor allem über die Texte „Warum ich Haiku
dichte“ von drei unserer Dichterinnen gefreut. Sie hat verstanden, dass das Haiku
auch im Westen mit Begeisterung gedichtet wird. (Mehr Informationen über die
Anthologie bitte unter: www.djg-muenchen.de/haiku).
Ende Februar fand das Monats-Haiku-Treffen statt. Dabei sprachen wir über das Thema: Ichibutsu-jitate (Haiku aus einem einzigen Thema). In der
März-Ausgabe der kommerziellen Haiku-Monatszeitschrift „Haiku“ von der „Kadokawa Stiftung für Kulturförderung“ gab es eine Sammlung von Beiträgen zu diesem Thema Ichibutsu-jitate (im Gegensatz zu Tori-awase: Haiku mit zwei verschiedenen Motiven) als Leitartikel.
Am Anfang des Leitartikels stehen folgende Worte:
Beim Lesen eines Haiku mit nur einem Thema hat man das Gefühl, zum
Ursprung des Haiku zurückzukehren. Die Überzeugungskraft der Worte, die
durch die Fokussierung auf das Kigo entstehen, ihre Stärke, die solide Kraft,
die keine billigen Tricks sind, bereichert das Haiku-Leben.
Heutzutage dichtet man in vielen Fällen Tori-awase-Haiku mit zwei Motiven, aber
man kann mit der Methode Ichibutsu-jitate das Thema vertiefen. Bei der Haiku-
Gruppe „Hototogisu“, mit der die Enkō-Gruppe von Frau Yamada eng verbunden ist,
wird Haiku großenteils im Stil Ichibutsu-jitate gedichtet.
Bashō hat seinen Schülern je nach Situationen mal Tori-awase, mal Ichibutsu-jitate
empfohlen. Yuko Murato
2 Haiku
Stracciatella!
Über die Tischkante schielt
der Dalmatiner. Michael Rasmus Schernikau
Lindenblütenduft
berauscht taumeln wir umher
die Bienen und ich Brigitte Hertlein-Stutz
(Aufnahme: Yuko Murato)